Schani diskutiert nicht mehr

 Er war immer da, hat uns herausgefordert zur politischen Diskussion, hat seine Listen und Tabellen geschrieben, hat sich ehrlich für eineN interessiert, hat mit uns gesungen, getanzt, gelacht,  …
Schani diskutiert nicht mehr. Schani erklärt uns nichts mehr.
Er ist am Vormittag des 29. September nach schwerer Krankheit verstorben.

Schani gehörte zum „Urgestein“, quasi den „ErfinderInnen“ der GE, die später zur AUGE/UG wurde und hat nie aufgehört, einer von uns zu sein, mit uns zu sein. Danke dafür, Schani.

Schanis kommunistischen Eltern waren gegen den Austrofaschismus aktiv, wurden im Zuge des Februaraufstandes 1934 inhaftiert, flüchteten über die Tschechoslowakei und die Schweiz nach Belgien, wo Jean „Schani“ Margulies am 7.4.1939 geboren wurde. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchteten Ida und Moritz Margulies mit dem Kleinkind im Arm zu Fuss und per Zug nach Frankreich. Sie waren weiter im Widerstand aktiv und konnten beide nach schweren Foltern nur knapp dem Konzentrationslager entkommen.

Die Politik war Schani in die Wiege gelegt und sie blieb seine große Leidenschaft. Wiewohl seine Eltern ihm eine akademische Laufbahn wünschten, sah er seinen revolutionären Platz bei der ArbeiterInnenschaft und begann eine Lehre bei Brown Boveri. Dort erkämpfte er als Jugendvertrauensmann bereits in den 50er-Jahren eine ermässigte Lehrlingswochenkarte. Neben der Arbeit machte er Matura und war bei der KP-Jugendorganisation Freie Österreichische Jugend - FÖJ aktiv. Überzeugt von der Idee des Sozialismus, hatte er bald schon eine zentrale Rolle in der KPÖ, was ihn jedoch nicht davon abhielt, stets auch kritisch der eigenen Organisation gegenüber zu bleiben. Das war ein wesentliches Merkmal des Schani Margulies, welches auch nachhaltig die Entwicklung der GE bzw. AUGE/UG prägte: Er duldete keinen politischen Stillstand, kein bequemes Zurücklehnen in schlichtem Folgen einer Doktrin. Stets wurde abgeklopft, hinterfragt und mit dem Ziel von freien Menschen in einer solidarischen Gesellschaft verglichen.
Diese Haltung und seine persönliche wie politische Konsequenz führten schliesslich nach den Ereignissen des Prager Frühling 1968, als die Demokratisierungsbewegung in der CSSR von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde, zu einem Bruch mit der KP. Für ihn, der mittlerweile zwei kleine Kinder hatte, bedeutete das auch den Verlust seines Arbeitsplatzes.


Schani war massgeblich beteiligt an der Geburt eines „Aliens“ in der österreichischen Gewerkschaftslandschaft: an der Bildung einer von allen Parteien unabhängige Gewerkschaftsfraktion, der Arbeitsgemeinschaft für Gewerkschaftliche Einheit – GE, mit antikapitalistischer und gesellschaftsverändernder Ausrichtung und im Grundsatzprogramm verankerter Autonomie der Gewerkschaftspolitk. Bis heute weiss man im ÖGB mit diesem „Einhorn“ nicht so recht was anzufangen …
Nach der Absolvierung der Sozialakademie der Arbeiterkammer, trat Schani 1974 als Mitarbeiter der sozialpolitischen Abteilung im ÖGB ein. Von 1981 bis 1991 vertrat er die GE in einem der höchsten Gremien des ÖGB, dem Bundesvorstand. Im ÖGB war man stets um eine gewisse Distanz zu Schani bemüht, der es nie verabsäumte, die KollegInnen welcher hierarchischen Ebene auch immer auf die Grundsätze und Ziele der ArbeitnehmerInnenbewegung – bzw. der Abweichung davon – hinzuweisen. Gerne erzählte er die Geschichte, wie bemüht man war, sein Büro nicht unmittelbar an den Sitzungsraum angrenzen zu lassen – zu gross wähnte man die Gefahr, Schani könnte die bahnbrechenden Pläne der Sozialdemokratischen GewerkschafterInnen ausspionieren ...
Schani war einer, der - innerhalb des antifaschistischen und antirassistischen Konsenses - immer die Demokratisierung und die Öffnung der Organisationen betrieb. So beteiligten sich Schani und die GE in den 80er- und 90er-Jahren nicht nur aktiv an der Friedens- und Frauenbewegung, Solidaritätsbewegungen mit Vietnam, Afrika und Leiteinamerika, an der Alternativ- und der aufkeimenden Ökologiebewegung, sondern boten freien linken Gruppierungen, BürgerInneninitiativen und Arbeitsgruppen Kooperation und die Nutzung der GE-Infrastruktur an.

 Ich werde nie mein Bewerbungsgespräch '96 bei den Altvorderen der GE vergessen, wo ich, aus der autonomen Szene kommend, den Eindruck hatte, viel zu wenig radikal zu sein ...
Auch die Bildung von alternativen Gewerkschaftslisten auf den verschiedenen Ebenen unterstützte Schani aktiv und bot die Zusammenarbeit auf Augenhöhe an. So wurde denn auch aus der GE die „GE – Alternative GewerkschafterInnen“ und mit dem Erstarken des ökologischen Bewusstseins die „AUGE – Alternative und Grüne GewerkschafterInnen“ und kam es, sobald es möglich war, zum Zusammenschluss zur UG - Unabhängigen GewerkschafterInnen im ÖGB.
Leute wie Schani waren es auch, die entgegen dem gewerkschaftlichem Dogma weder in der Atomenergie noch im Kraftwerk Hainburg das arbeitsplatzbringende Heil sahen und dies auch öffentlich kund taten, was vom ÖGB gerne auch mit Ausschlussdrohungen quittiert wurde.
Mitte der 80er-Jahre, nach den Ereignissen in der Hainburger Au, war Schani an den zentralen Auseinandersetzungen über die Frage einer (grünen) Parteigründung beteiligt, wobei für ihn immer unbestritten blieb, dass Gewerkschaftspolitik unabhängig von Parteien bleiben muss. In seiner unerschütterlichen Konsequenz legte er bei seinem Einzug in den Wiener Landtag 1991 denn auch seine ÖGB-Funktionen zurück. Der Gewerkschaft und der AUGE/UG verbunden blieb er allerdings immer und kehrte nach Beendigung seiner politischen Karriere auch wieder zur aktiven AUGE/UG-Arbeit zurück.

Hier wird er uns fehlen. Nicht nur als politischer Kopf und Aktivist, sondern als Mensch. Als Freund. Ruhe in Frieden.

Klaudia Paiha für die
AUGE/UG – Alternative und Grüne GewerkschafterInnen und die
UG –  Unabhängigen GewerkschafterInnen im ÖGB

Verabschiedung von Schani Margulies: 15.10.2015, 11h, Zentralfriedhof Wien, Feuerhalle. Details folgen.